4/5 Programmlinien / Konstruktionen des Subjekts

 

Konstruktionen des Subjekts

 

In der geschichtlichen und theoretischen Beschäftigung mit Biographien wird danach gefragt, warum und wie vom Leben erzählt wird, wie diese Erzählungen rezipiert werden, welche spezifischen Wissensformen biographische Narrationen enthalten, welche biographiekritischen  Implikationen bestimmte lebensgeschichtliche Ereignisse beinhalten. Die Programmlinie „Konstruktionen des Subjekts“ widmet sich diesen und damit verwandten Fragestellungen im Kontext individueller Lebensgeschichten. Ihr Fokus liegt dabei auf dem zwanzigsten Jahrhundert und auf Mitteleuropa.

Zentral für lebensgeschichtliches Erzählen ist meist das Herstellen von narrativen Strängen, die verschiedene Ereignisse und Perioden eines Lebens miteinander verbinden und damit Kohärenz und Kontinuität erzeugen. Bestimmte Ereignisse erscheinen in der biographischen Betrachtung indes regelmäßig als Brüche im Fortgang des Lebensgeschehens, wobei die Rede von ‚Brüchen‘ auch kritisch zu hinterfragen wäre. Im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts machten u. a. die allzu häufigen Situationen erzwungener Emigration und Exils den biographischen Bruch zu einem Signum zahlreicher Lebensgeschichten. Der Nationalsozialismus zwang zahlreiche Bewohner Mitteleuropas zur Flucht nach Westeuropa, in die Sowjetunion oder nach Übersee, später diktierten die veränderten politischen Umstände des kalten Krieges andere Wege und Muster der Migration. Das Exil ist ein Bruch in einem greifbaren biographischen Sinn: Es bedeutet das Zurücklassen von Wohnungen, Gegenständen und Gesellschaft.  Migrationsbewegungen führen zu Brüchen im kulturellen Leben von Nationalstaaten, sie schaffen jedoch zugleich dort neue Impulse, wo sich Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler niederlassen.

Es sind nicht nur die Dinge, die an einem Ort verloren gehen, sondern auch jene, die anderswo gewonnen werden, die dem besonderen Interesse an derartigen biographischen Erzählungen zugrunde liegen. Die Auswirkungen bedeutender historischer Ereignisse auf individuelle Lebensgeschichten sind nicht nur in einer negativen Weise zu betrachten. Häufig birgt das Hereinbrechen solcher Vorgänge in das Leben der Individuen eine Dialektik von Produktivität und Destruktivität: Die Veränderung der Lebensumstände führt zu neuen Einsichten und setzt den Einzelnen dem Einfluss neuer Gedankenwelten aus. Das oft genug tragische und blutige zwanzigste Jahrhundert machte den erzwungenen lebensgeschichtlichen Bruch zu einer dramatischen Realität für unzählige Menschen, leitete aber schließlich einen Prozess ein, im Zuge dessen das transnationale, durch Mobilität gekennzeichnete Leben sich für eine wachsende Anzahl von Menschen als Normalität durchsetzt und ihnen damit eine Kompetenz des Umganges mit lebensgeschichtlichen Diskontinuitäten abverlangt wird.

„Konstruktionen des Subjekts“ will die Formulierung und Reformulierung biographischer Narrative untersuchen. Die einzelnen Projekte dieser Forschungslinie werfen jeweils unterschiedliche Schlaglichter auf Fragen der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Dabei spielt die beherrschende ideologische Spannung zwischen Kommunismus und Liberalismus eine herausragende Rolle. Es wird gefragt, wie Haltung einzelner biographischer Subjekte zu den zentralen politischen Fragen ihrer Zeit die Rezeption ihres Werkes und die divergierenden Weisen bestimmte, in denen ihr Leben erzählt wurde.  

Oskar Pastior

Arthur Koestler

Ungarn 1919: Die Verlockung des Kommunismus

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für Geschichte und Theorie der Biographie

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