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Oskar Pastior – Bausteine einer Biographie

 

Das vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) geförderte Projekt Oskar Pastior – „Unterschiedenes ist gut“. Bausteine einer Biographie widmet sich zentralen Einschnitten im Leben Pastiors. Fokussiert werden dabei die komplexe Leben-Werk-Beziehung und deren öffentliche Rezeption. Oskar Pastior (1927-2006) ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts, 2006 wurde er mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet. In seiner experimentellen Lyrik laufen Einflüsse des dadaistischen Wortspiels, des rumänischen Surrealismus und deutschsprachiger Literaturtraditionen zu einer singulären Synthese zusammen.

Für die Biographieforschung bietet Pastior nicht nur aufgrund seiner Bedeutung als Autor ein spannendes Forschungsfeld, sondern auch wegen der zeithistorischen Kontexte, die in seinem Leben und Werk massiv Spuren hinterlassen haben: 1945 wurde er als Mitglied der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt, von wo er 1949 in das kommunistische Rumänien zurückkehrte, 1955-1960 studierte er in Bukarest Germanistik, 1960-1968 arbeitete er als Redakteur beim rumänischen Staatsrundfunk. 1968 flüchtete er über Österreich in die Bundesrepublik Deutschland, wo er bis zu seinem Tod als freier Schriftsteller und Übersetzer lebte. Oskar Pastiors Leben spiegelt damit exemplarisch Spannungen, Brüche und Verwerfungen, die Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmten.

Neben der Erarbeitung subjektiver Erlebniswelten Pastiors, stellt die Untersuchung seiner biographischen Einschnitte und Übergänge sowie der vielschichtigen öffentlichen Rezeption eine besondere Herausforderung und ein spannendes historiographisches Forschungsgebiet dar, besonders für Neubetrachtungen historischer Konfliktlinien. Die differenzierte Untersuchung der Rezeption Oskar Pastiors im deutschsprachigen Raum wie auch in Rumänien ist von großem Interesse, weil verschiedene Konstruktionen seines Lebensweges auf unterschiedliche nationale Zuschreibungen zurückzuführen sind und Pastiors Leben auch heute noch nationalstaatliches und gruppenspezifisches Projektions- und Identifikationspotenzial bietet.

Ziel des Forschungsprojekts ist die Erarbeitung einer Monographie zu Pastior unter Berücksichtigung der literarischen und medialen Rezeption. Von besonderem Interesse ist dabei der Roman Atemschaukel von der Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, der Oskar Pastiors Gefangenschaft im sowjetischen Arbeitslager verarbeitet. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht bietet das Leben Pastiors und seine produktive literarische Rezeption durch Herta Müller ein reichhaltiges Untersuchungsfeld für den dynamischen Übergang zwischen autobiographischem Bericht und literarisch-biographischer Bearbeitung.

Die posthume Entdeckung von Pastiors Tätigkeit für die Securitate führte zu einer grundlegenden Neubetrachtung seines Lebens und Werks. Die Erforschung dieser Thematik und die daraus resultierenden Veränderungen in der Rezeption bilden einen besonderen Schwerpunkt des Forschungsprojekts, wobei Fragen der Opfer-Täter-Zuschreibung aufgegriffen und neu diskutiert werden sollen.

Die Besonderheit der Erarbeitung biographischer Bausteine liegt in der historiographischen Kontextualisierung, der kritischen Reflexion narrativer Strukturen sowie der Verortung Oskar Pastiors in kulturellen Räumen, mit besonderer Aufmerksamkeit auf deren Bedeutungs- und Machtkonstruktionen.

Am Ende des Projekts werden im Rahmen eines Symposiums die Forschungsergebnisse präsentiert und im Gespräch mit Expertinnen und Experten reflektiert.

Foto: Ayse Yavas

Kontakt

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für Geschichte und Theorie der Biographie
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